Retouren im Multichannel: Die Kosten liegen woanders, als die Quote vermuten lässt
Nicht die Retourenquote ist teuer, sondern der Weg der Ware zurück ins Regal — und der ist in den meisten Betrieben nirgends abgebildet.
Jeder Händler kennt seine Retourenquote. Fast keiner kennt seine Retourenkosten. Das ist kein Wortspiel, sondern der Grund, warum in diesem Bereich so viel Geld liegen bleibt.
Ich habe einige Jahre Retourenware selbst gehandelt — also die Ware, die bei anderen Händlern zurückkam und dort zum Problem wurde. Aus dieser Richtung sieht man ziemlich genau, an welcher Stelle die Marge verschwindet. Fast nie bei der Quote.
Was die Quote nicht sagt
Zwölf Prozent Retouren klingen nach einer Aussage. Sie sind aber nur ein Zähler geteilt durch einen Nenner und sagen nichts darüber, was mit den zwölf Prozent passiert.
Zwei Betriebe mit derselben Quote:
Betrieb A prüft eingehende Retouren am Tag des Eingangs. Ware, die in Ordnung ist, steht am Nachmittag wieder verkäuflich im Regal. Was beschädigt ist, geht in einen definierten B-Ware-Prozess mit eigenem Abverkaufskanal.
Betrieb B stapelt Rückläufer auf einer Palette „für ruhigere Tage”. Nach drei Wochen weiß niemand mehr, welcher Karton zu welchem Vorgang gehört. Die Ware ist inzwischen Vorjahresmodell, der Karton verknickt, und was übrig bleibt, geht als Posten weg.
Gleiche Quote, völlig andere Kosten. Der Unterschied ist kein Sortiments- und kein Kundenproblem, sondern ein Prozessproblem.
Wo die Kosten tatsächlich entstehen
Vier Posten, in dieser Reihenfolge:
1. Zeit am Packtisch. Auspacken, prüfen, zuordnen, entscheiden, einbuchen, wieder verpacken oder einlagern. Wer diese Zeit einmal ehrlich stoppt, bekommt in der Regel einen deutlich höheren Wert, als er geschätzt hätte — und multipliziert mit der Zahl der Rückläufer ist es der größte Einzelposten.
2. Unschärfe im Bestand. Solange ein Rückläufer weder als unterwegs noch als verkäuflich geführt wird, ist der Bestand falsch. Bei Multichannel bedeutet ein falscher Bestand: Entweder Sie verkaufen, was nicht da ist — und produzieren die nächste Stornierung samt Kennzahlenschaden beim Marktplatz — oder Sie verkaufen nicht, was eigentlich verfügbar wäre.
3. Totes Kapital. Ware, die auf der Palette wartet, ist bezahlt und verdient nichts. Bei saisonalem Sortiment kann sie in drei Wochen die Hälfte ihres Werts verlieren, ohne dass sie jemand angefasst hat.
4. Der Zweitschaden. Ein Rückläufer, der ungeprüft wieder als A-Ware verkauft wird, kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut zurück. Dann hat dieselbe Ware zwei Retouren verursacht, zwei Versandwege und einen verärgerten Kunden.
Der Rückweg gehört in die Warenwirtschaft
In vielen Betrieben ist der Rückweg der einzige Warenfluss, der nirgends abgebildet ist. Der Hinweg hat Auftrag, Lieferschein, Versandetikett, Nachverfolgung. Der Rückweg hat eine Palette.
Was es braucht, ist nicht viel:
- Ein eigener Wareneingang für Retouren, getrennt vom Lieferanteneingang. Damit ist überhaupt erst zählbar, was zurückkommt.
- Ein Lagerort „ungeprüft”, der nicht zum verkäuflichen Bestand zählt. Damit verschwindet die Unschärfe: Die Ware ist im Haus, aber noch nicht im Shop.
- Ein Zustand je Artikel, nicht je Sendung. „Karton beschädigt, Ware neu” ist etwas anderes als „Ware benutzt” — und nur die Artikelebene erlaubt später eine ehrliche Beschreibung im B-Ware-Abverkauf.
- Ein fester Zeitpunkt, zu dem geprüft wird. Täglich, nicht „wenn Luft ist”. Luft ist nie.
Das ist kein Softwareprojekt. Das sind ein Lagerort, ein Feld und eine Absprache. Der Nutzen zeigt sich innerhalb weniger Wochen — weil der Bestand plötzlich stimmt.
Wer den B-Ware-Abverkauf über Importe pflegt, sollte dabei dieselben Regeln anwenden wie bei jedem anderen Datenlauf — Abgleichschlüssel, Wiederholbarkeit, Protokoll. Das steht im Beitrag Lieferantendaten automatisch in die Wawi, und was passiert, wenn sich das Dateiformat unbemerkt ändert, im Beitrag zu Importvorlagen und Spaltendrift.
Vier Zahlen statt einer Quote
Wer wissen will, ob der Retourenprozess trägt, misst diese vier Dinge:
| Kennzahl | Was sie verrät |
|---|---|
| Durchlaufzeit vom Eingang bis zur Wiedereinlagerung | Wie lange Kapital und Bestand blockiert sind |
| Anteil ungeprüfter Rückläufer älter als 48 Stunden | Ob der Prozess wirklich täglich läuft oder nur auf dem Papier |
| Wiederverkaufsanteil als A-Ware | Ob die Prüfung streng genug und die Verpackung gut genug ist |
| Bearbeitungszeit je Retoure | Der ehrlichste Kostenposten, und der einzige, den man direkt senken kann |
Diese vier Zahlen zusammen sagen mehr als jede Quote. Vor allem zeigen sie, wo eine Verbesserung überhaupt etwas bringt — statt am Sortiment herumzuoptimieren, während die Ware drei Wochen auf der Palette steht.
B-Ware ehrlich verkaufen
Der Abverkauf beschädigter oder geöffneter Ware ist ein eigener Kanal mit eigener Logik. Zwei Dinge entscheiden über den Erfolg:
Ehrlichkeit im Zustand. Wer B-Ware zu gut beschreibt, bekommt sie zurück — und hat dann eine Retoure auf eine Retoure. Der Kunde, der B-Ware kauft, hat sich bewusst dafür entschieden; er verzeiht Kratzer, aber keine Überraschungen.
Trennung vom Hauptsortiment. B-Ware, die direkt neben der A-Ware steht, verkauft nicht zusätzlich, sondern stattdessen — zu einem niedrigeren Preis. Eigener Bereich, eigene Kategorie, gegebenenfalls eigener Kanal.
Wenn es eine Sache gibt, die ich aus der Zeit im Retourenhandel mitgenommen habe, dann diese: Der Wert steckt fast nie in der Ware selbst, sondern in der Geschwindigkeit und Ehrlichkeit, mit der sie beurteilt wird. Beides ist eine Frage des Prozesses.
Kurz
Die Retourenquote ist eine Zahl für den Jahresbericht. Was die Marge bestimmt, ist der Weg der Ware zurück ins Regal: wie schnell geprüft wird, ob der Bestand währenddessen stimmt und wie ehrlich der Zustand dokumentiert ist.
Wer diesen Weg in der Warenwirtschaft abbildet, senkt seine Retourenkosten deutlich, ohne eine einzige Retoure verhindert zu haben. Und darüber, wie man das im Bestand sauber hinbekommt, ohne dass die Marktplätze durcheinandergeraten, spreche ich gern konkret.
Häufige Fragen
Ist eine niedrige Retourenquote automatisch gut?
Nein. Eine Quote sagt nur, wie viel zurückkommt, nicht was der Rückweg kostet. Zehn Prozent Retouren, die am selben Tag geprüft und wieder verkäuflich eingebucht werden, sind günstiger als vier Prozent, die drei Wochen ungeprüft auf einer Palette stehen und danach als B-Ware verramscht werden.
Wie bildet man Retouren in der Warenwirtschaft sauber ab?
Mit einem eigenen Wareneingang für Retouren, einem separaten Lagerort für ungeprüfte Rückläufer und einem definierten Zustand je Artikel. Entscheidend ist, dass zurückgekommene Ware erst nach der Prüfung in den verkäuflichen Bestand wandert — sonst verkauft der Shop Ware, die noch niemand angesehen hat.
Welche Kennzahlen sind aussagekräftiger als die Retourenquote?
Die Durchlaufzeit vom Eingang bis zur Wiedereinlagerung, der Anteil der Rückläufer, der ungeprüft liegen bleibt, der Wiederverkaufsanteil als A-Ware und die Bearbeitungszeit pro Retoure. Diese vier Zahlen zeigen, wo tatsächlich Geld liegen bleibt.
Lohnt sich der Verkauf von B-Ware im eigenen Shop?
Meist ja, wenn der Zustand ehrlich und je Artikel dokumentiert ist und der Abverkauf nicht mit dem A-Ware-Sortiment konkurriert. Was dabei zählt, ist Ehrlichkeit in der Beschreibung: Ein zu hoch angesetzter Zustand erzeugt genau die Retoure, die man vermeiden wollte — diesmal mit doppeltem Aufwand.